Familienfeiern
March 4, 2010 von Der Nachlader
Nachdem ich in letzter Zeit ja eher über aktuelle Entwicklungen bei Nachlader berichtet habe, schaff ich es heute mal wieder, über ein allgemeineres Thema zu philosophieren, wenn auch aus aktuellem persönlichen Anlass.
Letztes Wochenende war ich ja, wie bereits erwähnt, bei meinem Bruder und seiner Familie in Dublin, um dort Taufpate meines bezaubernden Neffen Sammy zu werden. Dabei kam ich nicht umhin, deutliche Unterschiede zum mir von Kindheit an vertrauten Ablauf von derartigen Familienfesten festzustellen.
Sicher, damals habe ich mich oft vor solcherlei Feierlichkeiten gegruselt.
Schon als kleiner Junge war es mir und meinem älteren Bruder ein Greuel, wenn Tante Elli uns gleich nach Betreten der Wohnung mit einem dicken, feuchten Schmatzer die Freude am Küssen für ungefähr ein Jahrzehnt verdarb. Dadurch wurden Omas Geburtstag, Erstkommunionen und andere Anlässe zum nervlichen Drahtseilakt. Manchmal haben wir uns sogar vor ihr versteckt.
Später war es dann vor allem das Weihnachtsfest, dessen Ablauf für mich zum Synonym einer verlogenen, oberflächlichen Welt wurde. War es nicht merkwürdig, dass meine Mutter schon vom frühen Morgen an puren Stress und negative Energie verbreitete, um dann zehn Minuten vor der Bescherung rasant umzuschwenken und heile Welt zu spielen? Meine pubertierenden Freunde und ich sorgten ab unserem 15., 16. Lebensjahr mit nachweihnachtlichen Kiff- und Saufgelagen in irgendwelchen Jugendspelunken für einen protestbehafteten Gegenpol.
Aber eine Tauffeier in einem Fußballpub, inklusive schmierigen Fingerfood-Platten, unzähligen Pints und infernalischem Jubel bei jedem Treffer des FC Liverpool, kamen mir vergangenes Wochenende irgendwie noch “falscher” vor.
Um eines mal ganz klarzustellen: irgendwie war es ja auch ganz lustig und ich fühlte mich trotz des Kulturschocks durchaus recht wohl. Und der irische Teil der Verwandtschaft ahnt wahrscheinlich noch nicht mal mehr etwas von meinen Gedankengängen und schien das ganze als gelungene Veranstaltung zu betrachten.
Außerdem glaube ich, dass mein Bruder Matze diesen hierzulande wohl größtenteils als unwürdig empfundenen Rahmen klammheimlich genoss. Der kleine, 12-jährige Matze streckte uns und seiner abgelegten Vergangenheit quasi den Mittelfinger entgegen, packte ein paar Zwiebelringe von der Fingerfoodplatte darauf und schob ihn sich dann mit viel Wohlwollen in den Mund.
Als klassische Familienfeier kam mir das aber in keiner Sekunde vor.
Denn trotz der manchmal übertriebenen Ernsthaftigkeit, mit der meine Mutter Tisch und Wohnung dekorierte, das Essen zubereitete und uns in unserer Meinung nach untragbare Festtagskleidung zwängte, stand doch im Vordergrund, den Tag zu etwas besonderem zu machen. Und das gelang ihr, im guten wie im schlechten, stets mit Bravour.
Natürlich komme ich in diesem Zusammenhang nicht umhin, mir die Frage zu stellen, ob ich auf einmal spießig werde oder ob ich vielleicht doch genug von Stil und Anspruch meiner Mutter aufgesogen habe, um einen Larifari Pub-Besuch, den man auch an jedem anderen Tag in exakt der gleichen Weise erleben könnte, als nicht angemessen zu betrachten.
Und ob ich auf einmal auch Sätze wie “Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir!” oder “Von nichts kommt nichts!” verstehe.
Aber keine Sorge, so weit ist es glücklicherweise noch nicht!
Vielleicht sind das ja auch einfach Fragen, die man sich gar nicht erst stellen sollte. Und gegebenenfalls täusche ich mich sogar, was die klassische “deutsche” Familienfeier angeht, und übertrage meine Erfahrungen einfach auf meinen gesamten Kulturkreis.
Im Grunde genommen geht es letztendlich darum, dass sich die Familie zusammenfindet, etwas Zeit miteinander verbringt, alte Bande stärkt und neue knüpft und vor allem eine gute Zeit hat. Und die hatten im Endeffekt trotz anfänglicher Irritationen alle.
In diesem Sinne: Prost Sammy! You’ll never walk alone!
P.S.:
Es wäre wirklich mal interessant, ein paar Geschichten aus anderen Familien zu hören. Tut euch also keinen Zwang an, was Kommentare angeht!


March 5th, 2010 at 10:03 am
Also unsere Familienfeiern sind eigentlich immer recht locker. Allerdings auch nicht gerade besonders spannend weswegen wir nur zu den wirklich wichtigen Festen anreisen.
Ich finde die Feier im Pub eigentlich sehr sympathisch und wegen so was belanglosem wie ner Taufe muss man ja nun wirklich keinen großen Aufriss machen.
Wie Du schon sagtest, Hauptsache alle kommen mal zusammen und haben ne gute Zeit. Dafür ist ein Pub doch durchaus prädestiniert.
March 5th, 2010 at 10:05 am
Ach und das neue Design der Seite ist wirklich sehr angenehm